Qualifizierung in Kurzarbeit

Ein Projekt der PersonalTransfer GmbH

Qualifizierung in Kurzarbeit

Klüger nach der Krise

April 28th, 2009 · Keine Kommentare

Von Elisabeth Niejahr | © DIE ZEIT, 23.04.2009 Nr. 18

Die Bundesregierung will, dass Kurzarbeiter die Wirtschaftsflaute zum Lernen nutzen – doch passende Bildungsangebote sind knapp
Zeit zum lesen: Nachwuchsmanager Bertil Burian qualifiziert sich weiter

In die goldgelb gestrichene Kantine fallen die ersten Sonnenstrahlen, als Bertil Burian an seinem Frühstückskaffee nippt und vom Glück redet. Er trägt Jeans und eine randlose Brille und ist auf dem Weg zu einem Planspiel für angehende Manager. Nebenan, in einem anderen Teil des Tagungszentrums bei Darmstadt, werden wenig später ein knappes Dutzend Männer mittleren Alters durchspielen, wie sich ein Möbelhersteller mit Absatzschwierigkeiten retten lässt. Einige von Burians Mitstreitern waren am Abend vorher spontan bei Ikea, um zu gucken, was beim Kunden gerade geht. »Die Fortbildung wollte ich sowieso machen, aber es war ein riesiges Glück, dass ich mit dem Konjunkturpaket II der Bundesregierung einen Sponsor dafür gefunden habe«, sagt Burian. Er nutzt das Programm »Qualifizieren statt Entlassen«, wonach der Staat die Sozialbeiträge und einen Teil der Bildungskosten übernimmt, wenn ein Unternehmen seine Mitarbeiter in Phasen der Kurzarbeit weiterqualifiziert.

Burians Chefs, die beiden Geschäftsführer eines süddeutschen Holzverarbeiters mit knapp hundert Mitarbeitern, waren sofort einverstanden. Noch ein Glücksfall, wie sein Arbeitgeber überhaupt, sagt Burian. Er ist Assistent der Geschäftsführung, zuständig für Personal. Bis Ende des Jahres will das mittelständische Unternehmen mit Kurzarbeit und ohne Entlassungen durch die Krise kommen – dafür müssen alle auf Einkommen verzichten, auch die Führungskräfte. Auch Burian. »Natürlich ist es ein komisches Gefühl, wenn man mehr arbeiten will und das nicht kann. Und natürlich will man da so schnell wie möglich wieder raus«, sagt Burian und verstaut seine Seminarunterlagen in einer schwarzen Umhängetasche. Aber Burian klingt an diesem Morgen nicht nach Krise, Verzicht und Zukunftsangst. Er redet davon, was er gelernt hat, was er im Betrieb verändern will und was das neue Seminar ihm bringt. Er klingt nach Aufbruch und Zuversicht.

Auch Melanie Nitz, 25 Jahre, ungelernt, hat Glück gehabt. In den vergangenen Wochen jedenfalls. Sie ist alleinerziehende Mutter einer achtjährigen Tochter, sie arbeitet, seit sie 17 ist, und hatte trotzdem selten genug Geld zum Leben für sich und ihr Kind. Zuletzt jobbte sie als Aushilfe in der Produktion von Ford und als Bürohilfe bei der Zeitarbeitsfirma Adecco. Jetzt finanziert das Arbeitsamt ihr einen Computerkurs, weil Adecco Kurzarbeit angemeldet hat und Nitz nur gelegentlich beschäftigt. »Ich kann endlich mal die Programme lernen, die man im Büro braucht und in die ich nie in Ruhe eingearbeitet werden konnte«, sagt Nitz. Sie hofft, mit den neuen Kenntnissen einmal so viel zu verdienen, dass sie ohne Zuschüsse vom Sozialamt über die Runden kommt. »Sonst ist man ja kein gutes Vorbild für sein Kind«, sagt sie.

Die Krise als Chance: Für Beschäftigte wie Burian und Nitz scheint zu funktionieren, was die Bundesregierung seit Monaten verspricht. »Wir wollen die Krise nicht einfach überstehen. Deutschland soll aus dieser Krise stärker und zukunftsfester herauskommen, als es hineingeht«, hat Angela Merkel vor dem Bundestag und in vielen Interviews erklärt. Bei diesem Ziel soll es bleiben, auch wenn die Regierung in dieser Woche gleich mehrfach schlechte Nachrichten entgegennimmt: Am Montag drängten die Personalchefs der Dax-Unternehmen bei Arbeitsminister Olaf Scholz auf mehr Unterstützung – mit der Begründung, es komme schlimmer als gedacht. Am Mittwoch warnten Unternehmer und Gewerkschafter beim Gespräch mit der Bundeskanzlerin vor absehbaren Härten, und am Donnerstag – nach Redaktionsschluss dieser ZEIT- Ausgabe – legen die wichtigsten Wirtschaftsforscher ihre Prognose für den weiteren Verlauf des Jahres vor. Von einem Minus von fünf Prozent geht inzwischen auch die Regierung aus. Die Krise als Chance? Angela Merkel redet davon, aber niemand weiß, wie realistisch das ist.

Mit Kurzarbeit allein, so viel ist sicher, werden viele Unternehmen schon im Sommer nicht mehr auf ihre Auftragsrückgänge reagieren können. Die Zahl der Arbeitslosen wird von 3,6 Millionen Ende März noch um mehrere Hunderttausend steigen. Hinzu kommen Beschäftigte, die in Transfergesellschaften arbeiten und in der Statistik nicht erscheinen. Gleichwohl halten vor allem Scholz und Merkel am Ziel fest, mit einer Bildungsoffensive für Kurzarbeiter den Wissensstand in den Betrieben zu steigern. Die Deutschen sollen nach der Krise klüger als vorher sein. Die Bundeskanzlerin würde gern alle Belegschaften mit Auftragsproblemen in einen kollektiven Bildungsurlaub schicken.

Allerdings weiß niemand genau, wie viele Arbeitnehmer wie Bertil Burian und Melanie Nitz es gibt. Ende März lagen der Bundesagentur für Arbeit (BA) Anträge für 1,7 Millionen Kurzarbeiter vor. Aber längst nicht alle Firmen, die Kurzarbeit anmelden, reduzieren später auch im bewilligten Ausmaß die Arbeitszeit. Entsprechende Abrechnungen liegen der BA erst mit drei Monaten Verspätung vor. Bisher ist auch unbekannt, wie viele die Ausfallzeiten zur Qualifizierung nutzen. Oft ist es schwierig, Kurzarbeit mit Weiterbildung zu verbinden. Sinnvolle Maßnahmen müssen langfristig vereinbart und geplant werden. Davor schrecken viele Personalabteilungen zurück, der Verlauf der Krise ist schwer vorauszusehen.

Zudem sind die Bildungsangebote in den vergangenen Jahren so drastisch reduziert worden, dass nicht für jeden Betrieb Passendes zu finden ist. Zu den Reformen der rot-grünen Regierung gehörte auch der Abschied von praxisfernen Bildungswarteschleifen und ineffizienten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM). Untersuchungen hatten gezeigt, dass Arbeitslose nach solchen ABM weniger Chancen auf neue Jobs hatten als ohne Förderung. Die Regierung Schröder verabschiedete sich von der Idee des zweiten Arbeitsmarktes und setzte auf Instrumente, die wie die Zeitarbeit die Erwerbslosen auf dem ersten Arbeitsmarkt unterbringen sollten. Während Anfang des Jahrzehnts pro Jahr 450.000 Menschen in geförderten Bildungsmaßnahmen steckten, waren es zuletzt nur 100.000.

Nun schwingt das Pendel wieder zurück. Weiterbildung für Berufstätige gilt als Gebot der Stunde. Das liegt am Fachkräftemangel, der gerade starke Unternehmen in der Hochkonjunktur plagte, aber auch an der Debatte über die alternde Bevölkerung. Wenn immer mehr Beschäftigte bis 67 oder noch länger arbeiten sollen, dann wird das Wissen aus der ersten Ausbildung plus Berufspraxis immer seltener ein ganzes Erwerbsleben lang reichen. Zudem warnen Bildungsforscher schon seit Jahren, dass Deutschland in diesem Bereich viel zu wenig tut. Hierzulande investiere ein durchschnittlicher Arbeitnehmer nur 398 Stunden pro Arbeitsleben in Weiterbildung, in Dänemark hingegen 943, warnt Günter Schmid, emeritierter Bildungsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin. »Vor allem die Tarifparteien haben das Thema Weiterbildung lange verschlafen«, sagt er. Das wird sich spätestens ändern, wenn die OECD neben dem Pisa-Test für Kinder und Studenten 2011 erstmals Pisa-Ergebnisse für Erwachsene vorlegt. Alles spreche dafür, dass Deutschland verheerend abschneiden wird, sagt OECD-Sprecher Matthias Rumpff. »Bisher können wir nur den Aufwand vergleichen, der für die Bildung der Berufstätigen getrieben wird – und da sieht Deutschland nicht gut aus.« Vor allem für Geringqualifizierte und Ältere gibt es nur wenige Möglichkeiten.

Verbessert hat sich immerhin die Qualität. Deutschlands Unternehmen tun zu wenig für die Bildung – aber was sie machen, ist besser als vor ein paar Jahren. Unternehmen wie der Metallverarbeiter Sick in Waldkirch bei Freiburg, das jeden zweiten Beschäftigten über 50 schult, werden ausgezeichnet und kopiert – und auch von vielen Politikern besucht. Schließlich hatten sich beide Regierungsparteien ursprünglich auf einen Bildungswahlkampf eingestellt. »Ohne Finanzkrise wäre das eines der wichtigsten Wahlkampfthemen geworden«, sagt Andreas Storm (CDU), parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Die Kanzlerin hatte die »Bildungsrepublik Deutschland« ausgerufen. Die SPD legte ein Konzept für eine »Arbeitsversicherung« vor, nach dem die BA sich stärker als bisher um Weiterbildung für Beschäftigte kümmern sollte. Die stellvertretende SPD-Chefin Andrea Nahles und Arbeitsminister Scholz entwickelten sogar die Idee, eine neue »Jobvorsorge« so selbstverständlich werden zu lassen wie die Gesundheitsvorsorge. Die Union hingegen will das sogenannte Bildungssparen ausbauen – wie beim Bausparen können Arbeitnehmer Zuschüsse vom Staat und vom Arbeitgeber bekommen, wenn sie beispielsweise für ein Zweitstudium Geld zurücklegen. Noch ist offen, ob die Krise solchen Ideen schadet oder hilft. Nahles und Scholz hoffen, dass die Bildungsangebote für Kurzarbeiter viele Beschäftigte auf den Geschmack bringen und eine neue Kultur der Weiterbildung entsteht. »Ob das funktioniert, ist vor allem eine Frage der Qualität«, sagt Werner Eichhorst, Vizedirektor beim Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn. »Wenn der Facharbeiter von Bosch oder Siemens erlebt, dass Weiterbildung nützt, bleibt er vielleicht dabei.«

Wahrscheinlich ist aber auch, dass viele Firmen Bildungsausgaben kürzen, um Kosten zu senken – auch wider besseres Wissen. »Das werden wir vermutlich nicht verhindern können«, fürchtet Staatssekretär Storm. »Aber wir haben immerhin schon erreicht, dass sich kaum ein Unternehmer traut, das öffentlich zuzugeben. Weiterbildung ist kein überflüssiger Schnickschnack mehr.«

Tags: Aktuelles zum Thema

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