suedkurier.de vom 04.04.09
Auf breite Akzeptanz bei der Belegschaft der Friedrichshafener Tognum AG stößt ein zukunftsweisender Haustarifvertrag, der den Titel „Job-Aktiv 2009“ trägt.
Die zwischen Unternehmensleitung, Betriebsrat und der IG Metall geschlossene Vereinbarung soll Kurzarbeit und damit Gehaltseinbußen verhindern, den ausgelernten Lehrlingen eine unbefristete Übernahme ermöglichen und erweiterte Verlängerungsoptionen für die Verträge befristeter Mitarbeiter ermöglichen. Das geschnürte Gesamtpaket hat ein Volumen von mehr als zehn Millionen Euro.
Nach einer dreieinhalbstündigen Betriebsversammlung in Friedrichshafen, in der es in erster Linie um die Strategie von Tognum in der Wirtschafts- und Finanzkrise ging, stellten sich gestern Matthias Jobmann, Personalleiter von Tognum, Patrick Müller, Betriebsratsvorsitzender, und die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Lilo Rademacher den Fragen der Presse. Allen war anzumerken, dass sie mit der in Wochen ausgehandelten Vereinbarung einen wegweisenden Vertrag sehen, der bisher seinesgleichen sucht.
Bei der größten Tognum-Tochtergesellschaft MTU und der Rotorion GmbH ist die aktuelle Krise durchaus spürbar. Aktuelle Vorausschauen gehen derzeit von einem erwarteten Umsatzrückgang bei Tognum in der Größenordnung von zehn bis 20 Prozent für 2009 aus. Sollten diese Voraussagen eintreffen, dann kann mit dem aktuellen Haustarifvertrag laut Betriebsratschef Patrick Müller die Lage für die rund 6000 Mitarbeiter am Standort Friedrichshafen erträglich gestaltet werden. Etwas zurückhaltender ist, schon durch seine Position als Personalleiter bedingt, Matthias Jobmann.
Ziel sei es, dass das Modellprojekt in seiner jetzigen Form ausreichen sollte. „Ich bin da aber eher zurückhaltender. Wir müssen die wirtschaftliche Entwicklung abwarten.“ Weitere Gespräche müssten geführt werden, wenn die Lage dies erfordert. „Die Wirtschaftskrise ist derzeit unberechenbar.“
Das im Vertrag festgeschriebene Maßnahmenbündel sieht eine Reihe personalpolitischer Vereinbarungen vor. Konnte bisher der Krise mit den bestehenden flexiblen Arbeitszeitmodellen begegnet werden, müsse jetzt alles daran gesetzt werden, damit es nicht zu Kurzarbeit kommt. Patrick Müller dazu: „Wir wollen Kurzarbeit vermeiden, um Lohnverlust bei den Mitarbeitern zu verhindern.“ Das Instrument der Kurzarbeit könne dann auf Tognum zukommen, „wenn die Krise weiter auf das Unternehmen einwirkt“, sagte Matthias Jobmann.
Folgende Vereinbarungen sieht der Vertrag unter anderem vor:
Angebot für Aufhebungsvereinbarung mit Abfindung für Mitarbeiter im Rentenalter.
Angebot für vorgezogene Altersteilzeit ab 2009.
Unternehmensinterne Jobbörse zur Vermittlung von Mitarbeitern an andere Standorte, etwa Magdeburg oder Glatten.
Teilweise Weiterbeschäftigung von Mitarbeitern mit befristetem Arbeitsverhältnis bei Rotorion.
Vertragsverlängerung für 100 Mitarbeiter mit befristetem Arbeitsverhältnis bis Ende November 2009 im direkten Bereich.
Verlängerung der befristeten Arbeitsverträge für 370 Mitarbeiter im indirekten Bereich bis Ende 2011.
Als Gegenleistung können die Mitarbeiter ihr Gleitzeitkonto auf 300 Minusstunden belasten. „Das ist ein zinsloses Darlehen der Mitarbeiter für das Unternehmen“, sagt dazu Patrick Müller.
Direkt an den Geldbeutel geht es den Mitarbeitern beim Verzicht auf eine tarifliche Einmalzahlung in Höhe von 122 Euro im September. Außerdem wird die Tariferhöhung zum 1. Mai geteilt. Ein Prozent gibt es mehr Gehalt zum 1. Mai, 1,1 Prozent erst zum 1. Dezember. Tariflich Beschäftigte bringen zehn Gleitzeitstunden ein, Auszubildende fünf Stunden. Betriebsruhe ist vom 17. bis 28. August. Leitende Führungskräfte verzichten auf Urlaubstage und Teile der variablen Vergütung. Davon sind ausdrücklich auch die Vorstandsmitglieder der Tognum AG betroffen, wird auf Nachfrage bestätigt.
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