Qualifizierung in Kurzarbeit

Ein Projekt der PersonalTransfer GmbH

Qualifizierung in Kurzarbeit

“Das dicke Ende kommt noch” Der Bundesagentur-Vorstand Heinrich Alt über Kurzarbeit und Jobchancen in der Krise

Mai 29th, 2009 · Keine Kommentare

Interview von Ruprecht Hammerschmidt

Herr Alt, durch die Krise wird 2010 die Arbeitslosigkeit stark steigen. Sie rechnen zeitweise mit fast fünf Millionen Arbeitslosen. Wird das ein Dauerzustand, oder erwarten Sie eine schnelle Erholung?

Ich weiß nicht, ob wir den Boden schon erreicht haben. Viele Risiken sind derzeit noch nicht sichtbar. Selbst mancher Wissenschaftler traut sich momentan nicht an eine Prognose. Fest steht aber, dass die Arbeitslosigkeit der Wirtschaftsentwicklung immer hinterher hinkt. Wir sehen deshalb am Arbeitsmarkt jetzt noch nicht das dicke Ende, sondern dies wird erst 2010 kommen. Im Jahresdurchschnitt erwartet die Bundesregierung dann 4,6 Millionen Arbeitslose. In manchen Monaten können dies mehr sein.

Reichen die jetzigen Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung aus?

Die Zahlen für 2010 sind erstmal nur eine Prognose, und wir kämpfen dafür, dass sie nicht eintritt. Das heißt wir tun alles für die Sicherung von Arbeitsplätzen. Dazu gehört insbesondere die Kurzarbeit. Mit dem Verlauf der Krise und den erwarteten steigenden Arbeitslosen-zahlen werden wir auch über die Ausweitung anderer Instrumente nachdenken.

Was kann nach der Kurzarbeit noch kommen ?

Viele Betriebe werden vor der Sommerpause auf die Auftragslage blicken und dann aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage entscheiden, ob sie die Kurzarbeit weiterlaufen lassen. Im schlimmsten Fall werden Firmen mit starken Auftragsrückgängen über Entlassungen nach-denken. Dann sind Transfergesellschaften ein Weg, den man gehen kann, um das möglichst arbeitnehmerfreundlich zu gestalten.

Wäre das nicht nur Kosmetik, um die Arbeitslosenzahlen bis zur Bundestagswahl im Zaum zu halten?

Eine gute Transfergesellschaft ist keine Kosmetik. Sie soll den Übergang auf einen neuen Arbeitsplatz ermöglichen, ohne dass der Mensch zwischendurch arbeitslos wird. Es gibt genug Beispiele, bei denen Transfergesellschaften dies mit Hilfe von Qualifizierungen, Kontaktvermittlung oder Bewerbungshilfen gelungen ist.

Seit diesem Monat erscheinen die von Dritten betreuten Arbeitslosen nicht mehr in der BA-Statistik. Ist das nicht Augenwischerei?

Diese Umstellung ist ja nicht erst während der Krise beschlossen worden. Es wird dadurch auch nichts verheimlicht, weil wir weiterhin neben den Arbeitslosen auch alle Arbeitsuchenden ausweisen, die sich in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen befinden. Das kann jeder aus unserer Statistik nachvollziehen.

Dennoch verringert dieser Schritt die offizielle Arbeitslosenzahl.

Sicher kann man bei Statistiken diskutieren, wer wie erfasst werden soll. Bei dieser Umstellung war es aber nicht das Ziel der Politik, Arbeitslose zu verstecken, sondern es ging um eine systematische Zuordnung. Die Politik wollte damit eine einheitliche Zählweise, bei der alle Arbeitsuchenden, die in irgendeiner Form aktiv sind, nicht als Arbeitslose geführt werden.

Wo bestehen noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt?

Der Arbeitsmarkt hat in Teilbereichen immer noch etwas zu bieten. Wir haben in Deutschland rund 700.000 offene Stellen, darunter 300.000 die bei der BA gemeldet sind. Eine große Nachfrage gibt es vor allem in Pflege- und Gesundheitsberufen und in Teilen des Handwerks. Generell sollte das Ziel sein, dass die Mitarbeiter besser qualifiziert aus der Krise herausgehen, als sie hineingegangen sind. Das heißt aber nicht, dass etwa alle Metallarbeiter zu Altenpflegern umgeschult werden, weil es dort gerade Bedarf gibt. Besser ist es, die Facharbeiter berufsbezogen für die Zukunft weiterzubilden. Bei jungen Menschen ohne eine Berufsausbildung stellt sich zudem die Frage, ob es nicht richtig wäre, ihnen jetzt in der Flaute eine zweite Chance auf eine Ausbildung zu geben.

Die vom Bundesverfassungsgericht erzwungene Neuordnung der Jobcenter soll erst nach den Wahlen in Angriff genommen werden. Können Sie sich diesen Aufschub leisten?

Leisten können wir es uns nicht, aber die Politik hat so entschieden, und wir müssen so gut es geht damit leben. Es gibt aktuell eine hohe Personalfluktuation in den Jobcentern. In den großen Jobcentern wie in Berlin liegt diese zwischen 15 und 20 Prozent im Jahr. Das ist unter Qualitätsaspekten zu hoch. Der Weggang ist erstens bedingt durch eine Vielzahl von befristet Beschäftigten und zweitens durch eine große Verunsicherung unter den Mitarbeitern. Es gibt Kollegen die sagen: Niemand weiß derzeit, wo sich dieses System hinentwickelt, und ich habe ein besseres Angebot.

Die Finanzen der BA drohen völlig aus dem Ruder zu laufen. Ende 2010 könnte ein Defizit von 20 Milliarden Euro stehen. Wie soll sich die BA jemals von diesen Schulden befreien?

Wir können unsere Einnahmesituation nicht in eigener Regie verbessern, deshalb liegt die Problemlösung nicht bei der BA, sondern bei der Politik. Die Verantwortlichen kennen die Fakten, kennen unsere Einnahmen und Ausgaben und wissen, wie hoch unser Defizit ist.

Gespräch: Ruprecht Hammerschmidt

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Zur Person

Heinrich Alt, (59) ist Mitglied des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit (BA). Der Politikwissenschaftler und Germanist begann 1977 seine Karriere im Landesarbeitsamt Rheinland-Pfalz-Saarland. In der BA ist Alt zuständig für die Grundsicherung nach dem Sozialgesetzbuch II, also für die Gruppe der Langzeitarbeitslosen.

Berliner Zeitung, 28.05.2009

Tags: Aktuelles zum Thema

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