Qualifizierung in Kurzarbeit

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Qualifizierung in Kurzarbeit

Von der Kurzarbeit in die Insolvenz

Mai 18th, 2009 · Keine Kommentare

Handelsblatt online vom 17.05.2009 von Dieter Fockenbrock
Die Industrie steuert trotz erster positiver Konjunktursignale auf eine sehr kritische Phase zu. Viele Unternehmen verdrängen eine drohende Liquiditätsklemme und haben keinen Plan B für den Notfall. Dabei ist das Unheil schon Monate vorher absehbar. Hilfe könnte aus dem Lager der Banken kommen.
Viele Betriebe weiten die Kurzarbeit aus. Aber was kommt danach?
 ”Viele Unternehmen werden nicht um deutliche Kapazitätsanpassungen herumkommen. Und es stellt sich die Frage, schaffen sie das ohne Insolvenz?” sagte Adam Bolek, Direktor der Investmentbank Rothschild, auf der Handelsblatt-Tagung “Restrukturierung” in Frankfurt. Denn eine Absatzkrise, so Insolvenzexperte Thilo Hild von der Kanzlei Kübler, könne man nicht restrukturieren.

Hintergrund der Sorge ist der scharfe Auftragseinbruch für zahlreiche Industriezweige infolge der Wirtschaftskrise. So mussten die Hersteller von Pkw zwischen Februar 2008 und 2009 ihre Produktion um 49 Prozent herunterfahren, im Maschinenbau fiel der Produktionsindex um 36 Prozent. Auch die Bekleidungsindustrie verzeichnete ein Minus von 28 Prozent. Darauf wies Karl-J. Kraus von Roland Berger auf der Tagung hin. Die Unternehmen überbrücken die Flaute bislang zumeist mit Kurzarbeit. Erst wenige - wie Thyssen-Krupp - greifen zu Entlassungen.

Seit Oktober vergangenen Jahres, als die Folgen der Finanzkrise deutlich für die Realwirtschaft wurden, steigt die Zahl der angemeldeten Kurzarbeiter in Deutschland von praktisch Null auf inzwischen 2,6 Millionen. Die Regierung hat die Konditionen mehrfach erleichtert, zurzeit wird eine Verlängerung der maximalen Bezugsdauer auf 24 Monate geprüft. Kurzarbeit erspart den Unternehmen Lohnkosten und Entlassungen, aber nur vorübergehend.

Arbeitsmarktexperten diskutieren daher bereits Modelle mit staatlich unterstützten Beschäftigungsgesellschaften, um Massenentlassungen zu vermeiden. Bereits im Sommer stehen den Informationen zufolge mehrere Konzerne vor der Frage, Mitarbeitern in großem Stil zu kündigen, weil die klassische Kurzarbeiterbrücke nicht mehr angewendet werden kann.

Als Grundproblem aller Unternehmenskrisen hat Bernd Richter, Partner bei der Wirtschaftsprüfungsfirma Ernst & Young, festgestellt, dass niemand “einen Plan B hat”. Mit dem Ende des Kurzarbeitergeldes liefen viele Unternehmen “schlagartig in die Liquiditätsfalle”. Selbst einige Dax-Konzerne würden keine Liquiditätspläne kennen, sagte Richter. Folge: Innerhalb weniger Tage muss Insolvenzantrag gestellt werden, obwohl eigentlich seit Monaten absehbar war, dass der Engpass droht.

Hinzu kommen auslaufende Finanzierungsvereinbarungen mit Banken und Investoren. Denn schon jetzt ist sicher, dass nur zu schlechteren Konditionen refinanziert werden kann. Der Zinsaufwand steigt. Unter anderem sind in Deutschland 4,5 Mrd. Euro Mezzanine-Kapital unterwegs. Das ist eine Mischung aus Eigen- und Fremdkapital und wurde vor allem Mittelständlern als Idealkapital verkauft. Jetzt ist dieser Markt faktisch tot. Wie die Anschlussfinanzierungen, die ab Herbst in größerem Umfang anlaufen werden, aussehen könnten, ist derzeit vollkommen offen.

“Eigentlich müsste viele Manager schon jetzt Insolvenz anmelden für den Winter”, sagt ein Anwalt mit Blick auf die gesetzlichen Vorschriften. Unter Fachleuten wird daher auch das Thema Insolvenzverschleppung heftig diskutiert. Macht sich ein Geschäftsführer haftbar, weil er die drohende Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung im Grunde hätte vorausberechnen können?

Die Banken versichern unterdessen, dass es keine Finanzierungsklemme gebe. “Wir werden kein Unternehmen, das im Kern gesund ist, fallenlassen”, versicherte Hans Joachim Weidtmann auf der Handelsblatt-Tagung. Weidtmann, Chef des Risikomanagements der Dresdner Bank, deutete ein Umdenken der kreditgebenden Banken an. “Dept-to-Equity Swaps waren vor Jahren ein No-go. Inzwischen ist es ein normales Verfahren, dass wir auch den Tausch von Fremd- in Eigenkapital durchdenken.” Kleine Sanierungsfälle zeigen die Bereitschaft einiger Banken. Der Autozulieferer Schaeffler-Continental, dessen Hauptfinanzier die neue Dresdner-Mutter Commerzbank ist, könnte der erste große Testfall dafür werden.

Doch im Bankenlager herrscht offenbar große Furcht vor einer Renaissance der Deutschland AG. Der ausgetrocknete Investorenmarkt könnte sie allerdings erneut in die Rolle des Aktionärs zwingen.

Tags: Aktuelles zum Thema

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